Wissenschaftliche Errungenschaften von Muslimen in der Geschichte und in der heutigen Zeit

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Die arabische Pharmazie (Saidana bzw. Saidala)* wurde bis Beginn des neunten Jahrhunderts (3. Jahrhundert nach der Hidschra) als ein von der Medizin getrennter Beruf und eine getrennte Denkschule verstanden. Bagdad, das Zentrum der Gelehrten zu jener Zeit, erlebte eine rapide Verbreitung von privaten Pharmazieläden, ein Trend, der sich schnell in die Vororte und andere muslimische Städte ausbreitete.

 

Die traditionelle Apotheke und die „moderne“ Apotheke:

 

Der traditionelle Apothekenstil wurde den Apotheken der arabischen Welt (in Ägypten heute noch gängig) nachgebildet. Der Stil der heutigen Apotheken hat sich seither nicht stark verändert. Allerdings waren die traditionellen Apotheken dafür verantwortlich, ihre eigenen Arzneimittel anzufertigen. Heutzutage wird die Anfertigung von Firmen vollzogen und es werden zunehmend Chemikalien an Stelle natürlicher Kräuter und Zutaten verwendet.

 

Die Apotheker, die diese neuen Läden leiteten, waren in der Apothekerkunst bewandert und sehr kenntnisreich in der Herstellung von Mixturen, der Lagerhaltung und im Haltbarmachen von Medikamenten. Staatlich geförderte Krankenhäuser hatten ebenfalls ihre eigenen Apotheken, die zu Fertigungslaboren gehörten, in denen Sirupe, Latwergen, Salben und andere pharmazeutische Präparate in relativ großem Umfang bereitet wurden. Ein von der Regierung bestimmter Beamter, der „Muhtasib“ und dessen Berater inspizierten regelmäßig die Apotheker und deren Läden. Diese staatlichen Inspektoren waren dafür verantwortlich, die Genauigkeit der Gewichte und Maße sowie die Reinheit der Materialien sicherzustellen, die zur Herstellung der Arzneimittel verwendet wurden. Dies diente als Mittel, um die Qualität zu sichern und die Öffentlichkeit zu schützen.

 

Dieser frühe Aufstieg und diese Entwicklung professioneller Pharmazie im Islâm – mehr als vier Jahrhunderte bevor eine derartige in Europa stattfand – waren das Ergebnis dreier bedeutender Gegebenheiten: Der starke Anstieg in der Nachfrage nach Arzneimitteln und deren Verfügbarkeit auf dem Markt, professionelle Reife und intellektuelle Neugier. 

 

Das neunte Jahrhundert verzeichnete den Beginn der Blütezeit islâmischer Bildung, und genauso wie muslimische Gelehrte bedeutende Errungenschaften in den physikalischen Wissenschaften machten, lernten, beherrschten und erweiterten sie die Medizin- und Pharmaziekunst.

 

Das erfolgreiche intellektuelle Gären, das die Schulen Bagdads befeuerte, Unterstützung von höchsten Regierungsebenen und ein Verlangen nach intellektuellem Vorgehen ebneten den Weg für einen noch größeren Ertrag in den folgenden vier Jahrhunderten. Anleitungen für die „Materia Medica“ und Hinweise für den Apotheker bezüglich der Arbeit und der Verwaltung seines Ladens begannen zunehmend zu kursieren.

 

Ein Mitwirkender an der arabischen Pharmazie im dritten/neunten Jahrhundert, war der nestorianische Physiker Yûhannâ ibn Mâsawaih (im Westen bekannt als Mesuë, 777-857). Als Apotheker der zweiten Generation verfasste Ibn Mâsawaih eine frühe wissenschaftliche Abhandlung über Heilpflanzen, wobei er ungefähr dreißig Aromen auflistete – einschließlich deren physikalischer Eigenschaften, Erkennungsmethoden für verfälschte Produkte und deren pharmakologische Wirkungen. Anhand des Ambers erklärte er beispielsweise, dass es viele Arten davon gibt, von denen der blaue oder graue Amber der beste ist und dass fettiges As-Salahiti mit einer Auswahl an aromatisierten Mischungen (Ghalîyas, Parfüms oder medizinische Kosmetika) verwendet wird. Ibn Mâsawaih empfahl außerdem Safran für Leber- und Magenbeschwerden. Er merkte an, dass Sandelholz, sei es gelb (das Beste), weiß oder rot, aus Indien eingeführt wurde, wo es bei der Herstellung von Parfüms verwendet wird.

 

Ibn Mâsawaih empfahl in seiner medizinischen Arbeit die Verwendung bekannter Arzneipflanzen, um eine natürliche Abwehr gegen Krankheiten aufzubauen. Er drängte Physiker dazu, ein Heilmittel für jede Krankheit zu verschreiben und empirische und analoge Beweisführung zu verwenden. Er merkte abschließend an, dass der Mediziner, der ohne Arzneimittel und lediglich durch eine Diät kurieren kann, als der erfolgreichste und bewandertste betrachtet werden sollte. 

 

Ein weiteres Buch von Ibn Mâsawaih, „Al-Muschayyar Al-Kabîr“, ist in gewissem Maße eine tabellarisierte medizinische Enzyklopädie über Krankheiten und deren Behandlung mit Arzneimitteln und Diät. Andere Werke umfassen kurze Abhandlungen – wie beispielsweise eine Abhandlung über Gerstenwasser, wobei dessen Herstellung und therapeutische Verwendung erklärt werden. 

 

Ein Landsmann und jüngerer Kollege von Ibn Mâsawaih war Abû Hasan Alî ibn Sahl Rabbân At-Tabarî, geboren im Jahre 808. Im Alter von ungefähr 35 Jahren wurde er vom Kalifen Al-Mu'tasim (833-842) nach Samarra einbestellt, wo er als Regierungsbeamter und Arzt diente. 

 

At-Tabarî schrieb verschiedene medizinische Bücher, von denen sein Buch „Paradies der Weisheit“, das im Jahre 850 fertiggestellt wurde, das bekannteste ist. Neben Erörterungen über Krankheiten und deren Heilmittel enthält das Buch Erörterungen über die Natur des Menschen, Kosmologie, Embryologie, Temperamente, Psychotherapie, Hygiene, Diät, heilkundliche Anekdoten sowie Auszüge und Zitate aus indischem Quellenmaterial. Das Werk enthält zudem verschiedene Kapitel über die „Materia Medica“, Zerealien, Diäten, praktische Hinweise und therapeutische Verwendungen von Tier- und Vogelorganen sowie Arzneimittel und Methoden deren Zubereitung.

 

At-Tabarî drang darauf, dass der therapeutische Nutzen jedes Heilmittels mit der jeweils speziellen Krankheit in Übereinstimmung gebracht wird, wobei er die Mediziner dazu drängte, den Routineheilmitteln nicht zum Opfer zu fallen. Er machte die beste Quelle für verschiedene Komponenten ausfindig und erklärte, dass feinste schwarze Myrobalane aus Kabul stammt; Kleeschlotter aus Kreta; Aloe aus Sokotra und aromatische Gewürze aus Indien. Er war auch präzise darin, die Heilmittel zu beschreiben, wie etwa folgendermaßen:

 

…ein sehr nützliches Heilmittel, um den Magen anschwellen zu lassen; die Säfte des Leberblümchens (Wasserhanf) und Absinth müssen einige Tage eingenommen werden, nachdem sie auf Feuer gekocht und gesiebt wurden. Außerdem befreien bestäubte Stangenselleriesamen (Sumpfpetersilie) gemischt mit Riesenfenchel, zu Tabletten verarbeitet und mit einer geeigneten Flüssigkeit eingenommen von Magenblähungen und entlasten Gelenke und Rücken (Arthritis).

 

Zur Lagerung empfahl er Glas- oder Keramik-Gefäße für flüssige (feuchte) Arzneimittel, spezielle kleine Gefäße für Augenflüssigkeitsbalsam; und Bleibehälter für fettige Substanzen. Für die Behandlung von eiternden Wunden verschrieb er eine Wundsalbe, die aus Wachholderharz, Fett, Butter und Harz hergestellt wird. Außerdem warnte er, dass ein Mithqâl (ungefähr 4 Gramm) Opium oder Bilsenkraut Schlaf und sogar Tod verursachen kann.

 

Die erste medizinische Formelsammlung, die auf Arabisch geschrieben wurde, stammt von Aqrabadhin Sabur ibn Sahl (gestorben im Jahre 869). Darin gab er medizinische Rezepturen an und erklärte die Methoden und Techniken der Zusammensetzung dieser Heilmittel, deren pharmakologische Wirkungen; die jeweiligen Dosierungen und die Mittel zur Verabreichung. Die Formeln sind entsprechend den Zubereitungsklassen, zu denen sie passen – entweder Tabletten, Puder, Salben, Latwergen oder Sirupe – angeordnet.

 

Jede Klasse pharmazeutischer Zubereitungen wird einhergehend mit einer Auswahl an Zutaten präsentiert, die in einer bestimmten Art und Weise zubereitet werden. Sie unterscheiden sich jedoch in den verwendeten Zutaten, der empfohlenen Anwendung und den therapeutischen Wirkungen.

 

Saburs formelsammlungsartiges Kompendium ist einzigartig in seiner Organisation und wurde bewusst als Leitfaden für Apotheker geschrieben, und zwar entweder für die Verwendung in deren eigenen privaten Apotheken oder in Krankenhausapotheken. Als solches ist es die erste echte medizinische Formelsammlung.

 

Einige Bücher über Pharmazie wurden vom berühmten Gelehrten Ya'qûb ibn Ishâq Al-Kindî (gestorben 874) geschrieben. Seine Beiträge zur Philosophie, Mathematik und Astronomie waren allerdings bedeutsamer als die zur Medizin und zu Heilverfahren. Dennoch ist es ihm anzurechnen, dass er ein offener Kritiker von Alchemisten war und deren Verfahren und Behauptungen unter der gegebenen Sachlage als irreführend angriff.

 

Hunains Buch der „Zehn Abhandlungen über das Auge“ wurde im Jahre 245 (n. H.) / 860 (n. Chr.) fertiggestellt. Nachdem der Autor die ersten neun Abhandlungen fertiggestellt hatte, verspürte er die Notwendigkeit, eine abschließende Abhandlung zu verfassen, um den gemischten Arzneimitteln für medizinische Augenbehandlung treu zu bleiben.

 

Außerdem führte Hunain das Beispiel des Theriak, des universellen Gegenmittels gegen Vergiftungen, als ein Beispiel für die Anwendungen und therapeutischen Werte der Verwendung gemischter Arzneimittel, an. Hunain, dessen Übersetzungen buchstäblich deren Gewicht in Gold wert waren, übersetzte den Großteil der „Materia Medica“ von Dioskurides ins Arabische, was von seinem Kollegen Istifan ibn Basîl (in der Mitte des neunten Jahrhunderts) übernommen wurde. Infolgedessen wurden mehrere Bücher der „Materia Medica“ auf Arabisch geschrieben.

 

* Im Islâm erscheint das Sandelholz im frühen achten Jahrhundert oder möglicherweise früher zum ersten Mal in pharmazeutischen Präparaten. Es wurde bald mit dem Beruf in Verbindung gebracht: Und die Apotheker wurden als As-Saidanâni oder As-Saidalâni (derjenige, der Sandelholz verkauft oder damit handelt) bezeichnet. Das Wort Saidana bedeutete dann Apotheke.

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